Ich habe einen neuen Bühnentext geschriben – jetzt gerade. Ich bin selbst erstaunt, dass ich diesen Text einfach so „runterschreiben“ konnte und nur wenig nachbearbeiten musste. Vielleicht ändere ich später noch das eine oder andere. Aber fürs erste habe ich damit ein gutes Gefühl.

Um ehrlich zu sein: Ziemlich politisch ist er schon geworden. Doch gerade deswegen habe ich ihn an einigen Stellen bewusst ziemlich spitz formuliert. Die aktuelle gesellschaftliche Debatte ist – zumindest aus linker Perspektive – gerade ein einziger Abwehrkampf. Dabei würde es ja auch zum gegenwärtigen Rechtsruck auch eine Gegenerzählung geben: Mehr Mitbestimmung, mehr Teilhabe, mehr Chancengerechtigkeit. Studien zeigen, dass Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz Demokratie erleben, zum Beispiel durch starke Betriebsräte, weniger anfällig dafür sind, demokratiefeindlichen Parteien zu verfallen. Es lohnt sich also doch zumindest irgendwie über Wirtschaftsdemokratie zu diskutieren.
Doch dieses Thema kommt in der politischen aktuell – wie gesagt – noch gar nicht vor. Aber Debatten werden manchmal von Maximalpositionen angestoßen. Deswegen verrate ich nicht, ob ich privat jeden Satz hier unterschreiben würde. Aber ich verrate, dass ich mir wünsche, dass über das Thema mal diskutiert wird. Allein schon, weil Diskussionen hierüber mehr lohnen als über weitere Asylrechtverschärfungen oder die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages.
Hier kommt jetzt jedenfalls der Text. Viel Spaß beim Lesen!
Meine Oma hat eine Bekannte, die heißt Hildegard. Und manchmal gehen die beiden im Stadtpark miteinander spazieren. Im Stadtpark, da gibt es auch einen Spielplatz – und erst an dieser Stelle wird all das für diesen Text hier relevant.
Denn Gisela, so heißt meine Oma, und Hildegard bleiben oft an diesem Spielplatz stehen und sehen den Kindern auf dem Spielplatz beim Toben zu. Ein richtiger Oma-Move und gar nicht cringe, weil die beiden ja keine mittelalten Männer sind.
Na jedenfalls stehen sie nun am Spielplatz und schauen auf zwei Jungen im Sandkasten.
“Hach, ein Kind müsste man noch einmal sein”, sagt meine Oma, “den beiden liegt die Welt noch zu Füßen.“
Doch Hildegard schüttelt den Kopf: “Ne, überhaupt nicht, ich kann Dir bei beiden ganz genau sagen, was aus denen mal wird.”
Meine Oma sieht Hildegard irritiert an.
“Doch wirklich, Gisela”, fährt sie deswegen fort, “der Junge links ist der kleine Knut {Hier den Nachnamen eines beliebigen Familienunternehmens einfügen}. Der wird mal Chef. Und der Junge rechts ist Uwe {Hier irgendeinen generischen Nachnamen einfügen}, der wird mal – wie sein Vater – Tischler. In der selben Firma. Ist doch irgendwie auch schön, dass das Unternehmen so ein richtiges Familienunternehmen ist, wo nicht nur der Sohn vom Chef den Chefsessel erbt, sondern auch die Kinder der Mitarbeitenden alle da weiterarbeiten dürfen.”
Meine Oma nickt nachdenklich: “Für den kleinen Knut freut mich das. Weil seine Sandburg sieht wirklich richtig scheiße aus. Gut, dass der kein Handwerker werden muss.”
Familienunternehmen sind das sympathische Fundament der deutschen Wirtschaft – Also das sagen jetzt nicht meine Oma oder ihre Bekannte Hildegard, sondern die deutschen Familienunternehmen. Und alle, die mindestens einen mittelalten Mann kennen, wissen: Was Leute über sich selbst sagen, das stimmt immer zu einhundert Prozent.
In Deutschland gibt es circa drei Millionen Familienunternehmen, sie machen damit rund 90 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung aus und organisieren so ungefähr 60 Prozent aller hiesigen Arbeitsplätze.
Und bei Familienunternehmen ist der Name dabei auch tatsächlich Programm. Wie bei Knut und seinem Sandkastenfreund Uwe. Ist doch mega sympathisch, dass Uwe sich sein ganzes Leben nie Sorgen um seine Zukunft machen muss. Der wird mal Tischler bei Knut. Praktisch.
4.500 Familienunternehmen machen einen Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro. Das wiederum ist gut für Knut, weil der eine dieser Firmen irgendwann mal erben wird.
Einmal hat Knuts Vater den dreijährigen Knut mit zur Arbeit genommen und Uwes Vater meinte: ‘Da schau an, hier kommt mein zukünftiger Chef.’ Und es ist ja auch völlig normal, so etwas zu einem Dreijährigen zu sagen, zum 12-jährigen Sohn vom britischen Kronprinzen William sagt man ja auch schon “seine königliche Hoheit”. Im Grunde ist das dasselbe Prinzip.
Fast die Hälfte aller Familienunternehmen in Deutschland sollen in den nächsten drei Jahren an die nächste Generation übergeben werden.
Das Problem: Nicht jeder Knut will mal Manager werden. Einige haben herausgefunden, dass es in den elterlichen Großbetrieben auch andere spannende Aufgaben gibt. Wenn irgend so ein Uwe nicht mindestens 40 Stunden pro Woche in Knuts Firma als Tischler arbeiten möchte, kommt die Vorsitzende des CDU-Wirtschaftsflügels Gitta Connemann gegebenenfalls persönlich bei ihm vorbei und schimpft über Lifestyle-Teilzeit. Wenn Knut nicht Chef werden will, gibt die Firma eine Pressemitteilung heraus, in der es heißt: “Die nächste Generation will sich vor allem auf ihre Rolle als Gesellschafter konzentrieren.” Das ist Bullshit und bedeutet: Knut gibt irgendeinen Headhunter Geld, dafür, dass der ihm einen Manager einstellt und lebt dann von den Dividenden, die seine Firma abwirft. Wenn ihr mich fragt, ist eigentlich das die Definition von Lifestyle-Teilzeit, aber aus irgendwelchen Gründen sagt die CDU da dann nichts gegen, sondern nur, dass Familien wie die von Knut ja sehr viel Verantwortung tragen und Arbeitsplätze schaffen.
Ich frage mich dann immer: Was für Verantwortung? Weil einen Headhunter einstellen, der einen Manager aussucht, könnte Uwe vermutlich auch, Headhunter stehen teilweise sogar noch im Telefonbuch, die sind also noch nicht einmal besonders versteckt.
Keine Sorge, ich fordere jetzt nicht eine moderat angepasste Erbschaftssteuer, wir sind hier ja nicht auf einem SPD-Parteitag. Ist ja auch gar nicht zu organisieren, sagt die CDU, dann würden all die Familienunternehmen pleite gehen – fast so wie Familien zerbrechen, wenn Hildegards Mann Gerald den Wikipedia-Artikel von Xavier Naidoo ein bisschen zu enthusiastisch studiert hat.
Ich stelle nur mal die Frage in den Raum, warum genau wir uns eigentlich daran gewöhnt haben, dass manche Leute Henkel erben oder Merck und andere noch nicht einmal gar nichts, sondern Schulden.
Oder warum meine Oma mir statt eines Milliarden-schweres Familienunternehmens meine weit-abstehenden Ohren vererbt hat? Da sagt übrigens auch die Hildegard mal wieder gar nichts zu. Die findet es nämlich stattdessen ein bisschen schön, dass auch 85 Jahre nach dem Tod des letzten deutschen Kaisers immer noch ein Hauch von Monarchie durch Deutschlands Wirtschaft weht. Wobei es genau genommen sogar ganz schön windig ist. Weirde Frau, die Hildegard, ich sag es Euch ganz ehrlich.
Ich mag aber ehrlich gesagt weder Traumschiff noch royale Hochzeiten und will deswegen stattdessen mit einer kleiner Anekdote schließen.
Als meine Oma mich zum ersten Mal ein Glas Bier hat trinken sehen, meinte sie, dass sie sich da niemals dran gewöhnen wird.
Zwei Gläser später wollte sie unbedingt mit mir anstoßen.
Und wenn wir heute in einem griechischen Lokal essen gehen und es mit der Rechnung noch einen Absacker aufs Haus gibt, schiebt sie mir ihren immer direkt rüber – ob ich nun will oder nicht.
Was ich damit meine:
Wenn man nur gegen Veränderungen ankämpft, wird das Ergebnis immer Mist.
Aber wenn man für seine eigenen Ideale kämpft, dann kann es vielleicht sogar gut werden.
Und vielleicht bleibt Uwe dann ja trotzdem Tischler. Nur halt in einem echten Familienunternehmen, das ihm genauso sehr gehört wie Knut.
Und damit endet dieser Text jetzt doch etwas linker als der letzte SPD-Parteitag. Sorry, Gitta Connemann. Aber danke Euch fürs Zuhören.