Deutschland, so viel ist klar, jetzt nicht unbedingt für mich, aber für einige andere und zwar leider ausgerechnet für solche, die gerade politisch Verantwortung tragen, braucht wieder mehr Menschen, die für Freiheit, Sicherheit und militärische Abschreckung Verantwortung übernehmen wollen. Oder – je nachdem, wie viele, dass tatsächlich wollen – alternativ auch übernehmen wollen müssen.

Die Gesellschaft gibt einem ja auch so viel, Sanktionen aufs Bürgergeld, eine ausgehebelte Mietpreisbremse und ein Deutschlandticket für bald 63 statt 9 Euro, da ist es nur fair, wenn junge Leute der Gesellschaft mal ein Jahr lang etwas zurückgeben. Mit der Gesellschaft, diese Präzisierung ist noch wichtig, ist dabei allerdings nicht die vereinsamte Oma, sondern, nun ja, die Bundeswehr gemeint.

Aber hey: Der neue Wehrdienst, die Herzensangelegenheit von Friedrich Merz, soll immerhin freiwillig sein. Also außer die Zielgruppe will nicht. Dann ist er verpflichtend. Aber wenn Du freiwillig Bock auf Wehrdienst hast, dann zwingt Dich keiner. Und wenn Du nicht weißt, ob Du willst oder nicht losen wir halt. Tribute von Panem waren ja auch ein tolles Buch, jaja. Na jedenfalls: Freiwilliges Pflichtjahr – diese Kreativität würde man sich mal bei der Besteuerung von Reichen wünschen. Naja.

Ich hab von dem Thema übrigens mitbekommen, als ich neulich meine Oma besucht habe. Meine Oma findet nämlich, dass meine Haare zu lang sind und meint deswegen, dass die Bundeswehr bestimmt auch was für mich wäre. Ja sicher. Sie setzte dabei direkt auch einen Top auf meinen Kopf, um für eine neue Frisur Maß zu nehmen.

Die Preise steigen ja auch und ewig wird meine Oma nicht mehr da sein, um meine Haare mit einem Topf zu schneiden. Vielleicht sollte ich diesen neuen freiwilligen Pflichtwehrdienst deswegen auch probieren. Ich bin knapp 1,80m groß und nur zu 2/3 unsportlich – was soll schon schief gehen. Ich schlechtesten Fall beweise ich Friedrich Merz wie schlecht diese Idee ist. Meine Oma ist jedenfalls begeistert. „Endlich bekommst Du kurze Haare, Junge!“ Also rücke ich ein.

Mein Einsatz für Deutschland. Am ersten Abend in der Kaserne küsse ich ganz dankbar mein 63-Euro-Deutschlandticket und gehe dann früh schlafen. Denn am nächsten Morgen geht es ja schon los mit der erzwungenen Freiwilligkeit. Von der ich übrigens glaube, dass das wenn dann auch ein beidseitiges Commitment ist. Und das geht dann so:

Wenn zum Beispiel morgens der Kommandant reinkommt und ruft: „Bock machen – das ist übrigens der militärische Code für Bett beziehen – Antreten!“

Antworte ich: „Bock machen, bitte! Nur weil wir vielleicht mal im Krieg sind müssen

wir nicht heute schon auf unsere guten Manieren verzichten, oder?“

Oder: „Antreten!“

„Alles klar, ich bin in zwei Minuten da!“

Wobei mir da in gewisser Weise der pädagogische Charakter fehlt: Denn auch ein Kommandant sollte ja mittlerweile begriffen haben, dass es nicht okay ist in Jemandes Schlafzimmer zu gehen und Ansprüche zu stellen.

Gleichzeitig will die Bundeswehr ja auch noch familienfreundlicher werden. Da packe ich natürlich auch mit an und bringe über Weihnachten auch meine Oma mit in die Kaserne.

Der Kommandant: „Wer ist das?“

Ich: „Meine Großmutter!“

„Was macht die denn hier, Sie können doch nicht einfach Ihre Großmutter mitbringen!“

„Doch, klar. Keiner schmückt besser den Weihnachtsbaum?!“

Und ich erfülle mir auch einen langgehegten Lebenstraum erfüllen: Beim Erstkontakt mit der Waffe einfach mal festhalten: „Menno, dass ist hier ja gar nicht wie bei GTA5!“

Dazu gibt’s konstruktives Feedback beim Sport: „100 Liegestütze? Was soll das bringen, wenn ich das in Russland mache, bevor ich schieße, bin ich dreimal erschossen, bevor ich fertig bin.“

Und ja: Sicher einfach ist mein Einsatz nicht – vor allem, weil ich dann auch noch auf hämische Sprüche beim Sporttraining entgegne: „Kein Wunder, dass Sie im Auslandseinsatz angegriffen wurden, wenn Sie immer so gemein sind, Herr Kommandant! Freundlichkeit ist keine Einbahnstraße!“ – 

Aber was ist schon einfach bei der Bundeswehr?

Frühmorgens aufstehen, Liegestützen, durch Matsch robben und ein Kurzhaarschnitt, der mir – seien wir ehrlich – bei meinen Ohren wirklich gar nicht stehen würde: Ich bin mir auch noch drei Tagen im freiwilligen Pflichtjahr-Selbstversuch noch nicht so ganz sicher, wer der größte Gewinner dieser Idee ist: Meine persönliche Entwicklung, die deutsche Gesellschaft oder vielleicht doch eher Wladimir Putin. Langsam bekomme ich Selbstzweifel.

Das ist dann aber wiederum ein gutes Thema, um da mal während der Grundausbildung abends drüber zu reden. Ich zum Kommandanten: „Kennen Sie eigentlich Selbstzweifel?“

Der Kommandant: „Nein! Und wie kommen Sie denn bitte während der Nachtwanderung auf so etwas?“

„Naja, weil meine Großmutter immer sagt, dass nur intelligente Leute Selbstzweifel haben.“

„Und ich sage Ihnen noch mal: Sie müssen zwingend aufhören, immer Ihre Großmutter mitzubringen!“

Manchmal bin ich echt hin und weg von meinen Ideen.

Meine Oma ist das hingegen nicht so, die ist Pazifistin, aber die braucht ja auch keinen Plan B mehr, sie ist alt, sie braucht nur noch einen festen Tagesablauf. Insofern würde es ihr bei der Bundeswehr ja eigentlich auch ganz gut gefallen.

Und vielleicht sollte man sich einfach keine allzu großen Ziele stecken, wenn man schon bei einfachsten Aufgaben enttäuscht.

Ein Beispiel: Wenn der britische König zu einem Termin anreist, nimmt er häufig ganz klassisch die Kutsche. Vielleicht weil da drüben im Königreich schon das Verbrenner-Verbot gilt, ich weiß es nicht. Bei Staatsbesuchen im Ausland jedenfalls fliegt Friedrich Merz derweil mit einem Flugzeug der Bundeswehr. Wenn das kaputt ist, ist das peinlich und ein politischer Skandal. Wenn hingegen die Kutsche von Charles nicht fährt, gibt es zum nächsten Mittagessen immerhin frisches Gulasch.

Aber seien wir mal für einen kurzen Moment ernst. Denn natürlich ist die Weltlage einfach beschissen, es ist überall entweder Krieg oder kurz vor Krieg. Und natürlich ist Verteidigungsfähigkeit da wichtig. Aber doch nicht als Dienstpflicht, die junge Leute aus Dank für Deutschland abzuhalten haben. Erst recht nicht bei den Ungerechtigkeiten, die junge Leute sonst so ertragen müssen. Und auch weil es generell nicht gut ist, wenn zum Beispiel ich (oder erst recht die 18-jährige Version von mir) zur Bundeswehr gehe. Es braucht Verteidigungsfähigkeit europäisch organisiert von möglichst fair bezahlten Profis, die gut ausgebildet sind und irgendeine Form von Lust auf die Aufgabe haben. 

Denn die Antwort auf unseren ziemlich rechten Zeitgeist ist doch kein: „Die jungen Leute! Seid mal dankbar, dass es Euch nicht so beschissen geht wie uns früher!“ Auch nicht wenn irgendwelche AfD-Mitglieder oder deren christdemokratischen Steigbügelhalter das in allen Talkshows dreimal wöchentlich erzählen.

Ich mein, für die ist das natürlich bequem, wenn wir uns in Abwehrkämpfe gegen deren schlechte Ideen verlieren. Dann kommen wir nämlich nicht dazu, uns zu überlegen, wofür wir eigentlich alles Mehrheiten hätten. Und wir fallen da ja auch viel zu oft drauf rein: Ich hab jetzt auch meine sechs Minuten für einen Text gegen die Wehrpflicht genutzt. Gefällt Friedrich Merz vermutlich besser als wenn ich einen Text für die Vermögenssteuer, eine Bürgerversicherung oder Vonovia enteignen gehalten hätte.

Immerhin hab ich es gerade noch gemerkt.

Aber – falls meine Oma zuhört – dass heißt natürlich nicht, dass ich meine Haare nicht weiter vor Dir verteidigen werde.