In Sibylle Bergs Roman RCE geht die Welt, in der wir leben, weiter den Bach runter. Der Kapitalismus ist alternativlos geworden. Das „beste aller Systeme“ hat Wenigen zu absurdem Reichtum verholfen und sehr Vielen ein menschenwürdiges Dasein genommen. Die Krise ist der Normalzustand. Jede Bewegung wird dokumentiert, jedes Fleckchen Erde privatisiert und jede Denkbewegung kontrolliert. Und alle sind vor allem eins: Müde von allem. 2022 wurde RCE geschrieben und soll eine „nicht allzu ferne“ Zukunft beschreiben. Bergs Anspielungen klingen dabei nach Trumps Angriff auf Venezuela und ICE – also fast nach Gegenwart.

Im Stück treffen sich dann fünf Hacker*innen, um dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Sie programmieren einen Code für einen Computerangriff, der den Crash des Systems verursachen und die Massen mobilisieren soll.

Die Prämisse das Stücks: Es gelingt ihnen.
Die Leitfrage des Abends: Und nun?

Sybille Berg ist vermutlich eines der freundlichsten Gesichter des nahendes Untergangs – und in ihrem literarischen Schaffen der Beweis, dass man auch an der Grenze zum Zynismus Konstruktivität finden kann. Das mag ich. Und – um mal im Feuilleton-Sprech zu schreiben – sie hält gerne allen Neoliberalen und allen, die sagen, dass sie unpolitisch sein wollen und die sich dem vermeintlichen unpolitisch Sein der anderen abfinden, den Spiegel vor. Nur halt nicht mit zarten Pointen, sondern mit ziemlich dollen (Rat-)Schlägen. Berg benennt Zusammenhänge, Entwicklungen und Denkmuster treffsicher.

Im Stück geht es dann um verschiedene Themen. Es geht um Selbstzweifel und die Sehnsucht nach Menschlichkeit, die Frage, ob oder eher wie man im System mitspielen muss, um es zu überwinden, um den Versuch Kraft aus dem Gefühl des Verlorenseins zu ziehen und es mündet in der These, dass die „alte Ordnung“ in einem von einer kleinen Gruppe Revolutionärer herbeigeführten Knall Enden muss, bevor sich daraus besseres sortieren kann. Für den es auch ne nette Bedienungsanleitung gibt. To be honest: Diese Überzeugung mag ich trotzdem nicht. Sie ist mir zu wenig mutig, zu wenig empowernd und zu wenig konkret. Außerdem ist die Lösungsgewalt dadurch zu sehr bei einigen wenigen und zu wenig im Aufbau eines Kollektivs, die Geschichte kann so auch eurozentrisch gelesen werden. Richtig gut ist aber, dass die Charaktere im Stück sich dieser, ihren eigenen Brüchigkeit, Unvollkommenheit und der Anmaßung, die es bedeutet, zu fünft die Welt retten zu wollen bewusst sind.

Mein Fazit darum: RCE ist eine notwendige Auseinandersetzung mit der Zeit, das Stück hier ist modern und verständlich inszeniert und toll gespielt. Ich mochte die 90 Minuten. Und lege sie euch ans Herz.

RCE
nach Sibylle Berg
Regie: Lisa Nielebock
Mit: Konstantin Bühler, Danai Chatzipetrou, William Cooper, Oliver Möller, Mona Vojacek Koper