Auf einer Party habe ich neulich zwei alte Bekannte getroffen – wobei zwei alte Bekannte vermutlich etwas zu viel gesagt ist; also gut, wenn ihr es genau wissen wollt: Ich habe zwei Leute getroffen, die meine Eltern kennen. Und wie das dann immer so ist, kommt man nicht drum herum, sich verlegen gegenüber zu stehen und sich zu überlegen, wie man jetzt so anstandshalber ein ca. 90 sekündiges Gespräch überbrücken kann.
Und ich muss sagen: Es ist uns wirklich nur so semi gut gelungen.
Denn gerade als die üblichen Nettigkeiten ausgetauscht waren und ich kurz davor, zu Plattitüden wie “mit dem Wetter haben wir Glück” überzugehen, sagen sie plötzlich:
“Wir überlegen ja auszuwandern.”
“Aha”, antworte ich, “und warum?”
“Wir haben eine Teenager-Tochter.”
“Aha”, antworte ich, “und weiter?”
“Müssen wir wirklich mehr sagen?”, fragen sie.
Offensichtlich denke ich, aber weil es unhöflich wäre, das auch zu sagen, nicke ich stattdessen nur mit dem Kopf.
“Heutzutage ist es für eine junge Frau in Deutschland viel zu gefährlich, Jahn. Warst Du mal draußen? So abends, meinen wir?”
“Eieiei”, denke ich. “Bitte nicht”, denke ich. Und ich überlege, wie aus der Situation jetzt möglichst unbeschadet herauskommen kann. In meinem Kopf kreisen die Gedanken: Plattitüden… Wetter… Und aus irgendeinem Grund entschließt sich mein Kopf daraufhin meinen Mund sagen zu lassen: “Apropos ‘ihr habt eine Teenagertochter’: Wie steht ihr eigentlich zum menschengemachten Klimawandel?”
Dabei muss ich mir ein zufriedenes Grinsen ziemlich doll verkneifen.
Die beiden sehen mich trotzdem irritiert an. “Den”, stellen sie daraufhin fest, “muss man differenziert betrachten.”
Deine Mudda muss man differenziert betrachten – denke ich nicht. Weil sie zu zweit sind und es außerdem ja gar nicht mehr 2013 ist. Schade eigentlich, denke ich tatsächlich, weil das hätten wir damals zwar auch nicht gedacht, dass man sagen würde, aber 2013 waren viele Problemlagen von heute irgendwie noch unvorstellbar. Zum Beispiel, dass bei der US-Invasion in Grönland 12 dänische Soldat*innen sterben – 2013 hätte man selbst den weirdesten Comedyautor*innen ein solches Seriensetting niemals geglaubt, 2026 habe ich jeden Abend Angst, dass mit dieser Meldung die Tagesschau beginnt. Und im Bundestag gab es statt einer schwarz-blauen noch eine rot-rot-grüne Mehrheit.
Früher war alles besser – sagen die Nazis.
Wenn du mit früher 2013 meinst – dann meinetwegen.
Die beiden Bekannten sehen mich währenddessen erwartungsvoll an.
Aber ich habe keine Lust mehr ständig gegen Windmühlen zu reden, ich würde lieber zusehen, wie Windräder gebaut werden.
Und ich will ich nicht länger immer alles differenziert betrachten.
Ständig heißt es zum Beispiel, nicht alle in der AfD sind überzeugte Nazis. Meine beiden Bekannten auf der Party haben vermutlich auch kein ideologisch-geschlossenes Weltbild. Aber was macht es im Endeffekt bitte für einen Unterschied, ob die Leute, die Björn Höcke zum Bundeskanzler wählen, selbst auch alles Nazis sind oder halt nur einen Nazi wählen? Für BPoCs, Queers, Frauen und behinderte Menschen vermutlich gar keinen.
Noch vor ein paar Monaten hätte ich diesen Text hier vermutlich komplett anders geschrieben. Vor ein paar Jahren ganz sicher. Da hätte ich euch davon erzählt, wie man in ewig langen Diskussionen – auch auf Partys – um jede*n Einzelne*n kämpfen muss, jede*n Einzelne*n irgendwie zurück überzeugen muss. Dass es bestimmt das eine vernünftige Argument gibt, dass die beiden noch auf der Party wenigstens wieder zu CDU-Wähler*innen macht.
Kant meinte früher: Gott ist tot. Trump beweist heute: Die Vernunft auch.
Und deswegen glaube ich inzwischen auch: Nö. Vielleicht ist Abgrenzung auch keine komplett illegitime Reaktion.
Also sage ich zu den Bekannten, dass ich nach jeder verdammten Wahl, bei der AfD schon wieder Stimmen hinzugewonnen hat, auch darüber nachdenke, was ist, wenn ich eigentlich irgendwann mal auswandern muss. Und weiter: “Lasst uns dann aber bitte vorher absprechen, wer wohin auswandert, weil es wäre ja super doof, wenn wir uns dann in Portugal oder der Schweiz wieder treffen würden, weil dann müssten wir ja jeweils wieder auswandern und das wäre ein Teufelskreis und den stelle ich mir ganz schön anstrengend vor.”
Die beiden drehen sich daraufhin genervt weg.
Und ich kann immerhin wieder in Ruhe alkoholfreies Bier trinken.
Abgrenzung – davon bin ich mittlerweile überzeugt – ist auch Antifaschismus. Man muss manchen Leuten auch mal zu verstehen geben, dass ihre Aussagen so realitätsfremd oder auch so böse sind, dass man sich als demokratische Zivilgesellschaft damit nicht auseinandersetzen muss. Haben wir doch früher mit NPD auch so gemacht – warum haben wir bei der AfD eigentlich mit diesem Grundsatz aufgehört?
Vor allem, weil Diskussionen mit Leuten aus dem AfD-Umfeld halt auch einfach nicht funktionieren – weder auf einer Party noch in einer Fernsehtalkshow. Den folgenden Dialog möchte ich darum auch insbesondere Caren Miosga widmen.
“Hier eine Kriminalitätsstatistik.”
“Glauben wir nicht.”
“Hier der Faktencheck.”
“Zeigen Sie mal her.” Daraufhin wirft das Gegenüber den Faktencheck in den Papiermüll.
Muss man beide Seiten hören – für diesen Irrtum gibt es mittlerweile sogar ein Fachwort: False Balacing.
Klingt nach Schaukeln? Apropos: Das ist wie wenn man mit einem vierjährigen Kind mit einem Schokolade-verschmierten Gesicht darüber redet, wer wohl den Schoko-Osterhasen aufgegessen hat. Nur, sorry Herr Höcke, weitaus weniger niedlich.
Es bringt uns als Gesellschaft darum auch überhaupt nicht weiter, wenn wir die ganze Zeit mit Leuten, deren Diskussionskonzept eine toxische Mischung aus Lügen und Schuldzuweisungen ist, reden. Das ist verschwendete Zeit. Außerdem wird in der Zeit, in der man das auf einer Party macht, auch das alkoholfreie Bier schal. Und das kann ja bei all den ohnehin schon vorhandenen Krisen auf der Welt erst recht niemand gebrauchen.
Irgendwie ist dieser Text bis hier hin super frustrierend, was vermutlich daran liegt, dass ich auch einfach super frustriert bin.
Deswegen möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Witz einbauen. Kennt ihr das rechtsradikale Compact-Magazin? Das ist so eine Nazi-Zeitung. Und als Nazi-Zeitung braucht man natürlich vor allem zwei Dinge: Leichtgläubige und ignorante Leser*innen, das ist das eine. Und das andere: Anwälte. Weil man wird ständig verklagt. Und meistens zurecht. Compact hat deswegen einen eigenen Anwalt. Und wisst ihr, wie der heißt, das ist jetzt kein Scherz: Nothdurft. Also das gehobene Wort für scheiße. Und Leute, ihr habt natürlich völlig Recht – no jokes with names. Aber dass der Anwalt einer Fascho-Zeitung allen ernstes Scheiße heißt, das kann man doch nicht einfach so ignorieren.
Das ist kein Zufall. Das ist Nomen est Omen mit Hasskommentar.
Und ich glaube ja nicht an Karma – aber wenn ich es täte, würde ich sagen: Hier hat Karma sogar einen eigenen Briefkopf.
Ihr seht: Abgrenzung ist nicht nur Antifaschismus. Sie macht nebenbei auch noch verdammt viel Spaß.
Aber Abgrenzung ist natürlich trotzdem nicht alles. Antifaschismus heißt glaube ich auch, dass eine demokratische Linke klar machen muss, wofür sie eigentlich steht und wie sie eine Gesellschaft gestalten will, die partizipativer und gerechter ist als der Status quo.
Ein Beispiel:
Friedrich Merz sagt: Die Ausländer nehmen uns die Zahnarzttermine weg. Meine Bekannten auf der Party nicken.
Der CDU-Wirtschaftsrat schlägt vor, dass die Krankenkassen keine Zahnarztkosten mehr übernehmen sollen. Meine Bekannten auf der Party gucken etwas irritiert.
Warum antwortet darauf jetzt gerade eigentlich niemand mit der Idee einer Bürgerversicherung, die dafür sorgt, dass alle Menschen schnell Facharzttermine bekommen und alle medizinischen Leistungen, die Kosten für jede Brille und jedes verschriebene Medikament übernommen wird?
Weil wenn dann meine Bekannten von der Party irgendwann auf mich zukommen und sagen: Mensch, Jahn, das mit der Bürgerversicherung, das klang ganz gut, wie können wir da eigentlich mitmachen – dann hat unsere Demokratie doch gewonnen.
Und niemand müsste auswandern.
Und weiter auswandern.
Und weiter auswandern. Der Teufelskreis – ihr erinnert euch.
Und statt gespenstischer Scheindebatten könnten wir dann auch wieder die Probleme lösen, die tatsächlich existieren. Sind ja verdammt viele – nur halt durch die Bank andere, als die AfD behauptet.
Oder zumindest könnten wir auf Partys wieder gezwungen Nettigkeiten austauschen während wir verlegen übers Wetter reden – ohne Angst zu haben vor der nächsten Eilmeldung der Tagesschau.
Und das wäre ja auch zumindest schon mal wieder was. Fast so schön wie 2013.